Architektur für die Bauwende:

Modell für suffizientes, zirkuläres Bauen
CÖW Herkenrath

Das Wohnprojekt steht für einen konsequenten Paradigmenwechsel im nachhaltigen Bauen.

Das Architekturbüro entwickelt mit der CÖW Herkenrath (Christlich ökologisches Wohnprojekt) ein genossenschaftliches Mehrgenerationenprojekt, das Suffizienz, Kreislaufwirtschaft, serielle Holzbauweise und gemeinschaftliche Infrastruktur zu einem zukunftsweisenden Wohnmodell mit hohem sozialem, ökologischem und baukulturellem Anspruch verbindet.

Als Modellvorhaben im Rahmen der REGIONALE 2025 setzt das Projekt neue Maßstäbe für zentrale Herausforderungen der Bauwende: den sparsamen Umgang mit Fläche und Ressourcen, die Reduktion grauer Energie, die Förderung gemeinschaftlicher Wohnformen und die langfristige Bezahlbarkeit von Wohnraum. Ökologische, soziale und ökonomische Anforderungen werden dabei nicht isoliert betrachtet, sondern als zusammenhängende Aufgabe von Architektur und Planung verstanden.

Drei Dimensionen der Nachhaltigkeit

Ökologische Verantwortung bestimmt Konstruktion und Materialwahl. Das Planungskonzept setzt auf einen hohen Grad industrieller Vorfertigung. Dieser reicht bis zu kompletten Bad-, Ausbau- und Schrankmodulen. Tragende und raumbildende Elemente werden demontierbar, rückbaubar und für eine spätere Wiederverwendung konzipiert. Wesentliche Baustoffe werden hinsichtlich ihrer Herkunft, Materialität und möglichen Nachnutzung dokumentiert.

Der Einsatz konventioneller, energie- und emissionsintensiver Baustoffe wird konsequent reduziert. Auf Zement, Mineralfaser und Gips wird weitgehend verzichtet. Holz, nachwachsende Dämmstoffe und kreislauffähige Konstruktionen bestimmen das Materialkonzept.

Soziale Nachhaltigkeit zeigt sich in der konsequenten Suffizienzstrategie. Die individuelle Wohnfläche wird auf rund 20 m² pro Person reduziert und durch großzügige gemeinschaftlich nutzbare Bereiche ergänzt. Gemeinschaftsküche, Raum der Stille, Sauna und gemeinschaftliche Außenräume schaffen zusätzliche Qualitäten, ohne den individuellen Flächenbedarf zu erhöhen.

Nicht der Besitz möglichst großer privater Flächen, sondern die gemeinsame Nutzung und die Qualität des gemeinschaftlichen Raums stehen im Mittelpunkt. Die Wohnraumförderung des Landes Nordrhein-Westfalen unterstützt diesen Ansatz und schafft die Grundlage dafür, gemeinschaftliche und ressourcenschonende Wohnformen auch für Haushalte mit unterschiedlichen Einkommen zugänglich zu machen.

Ökonomische Nachhaltigkeit bedeutet, Ressourcen nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich verantwortungsvoll einzusetzen. Serielle Fertigung, ein hoher Vorfertigungsgrad und standardisierte Module schaffen die Voraussetzungen für eine präzise und effiziente Umsetzung. Nachhaltigkeit wird damit nicht als additive Qualität verstanden, sondern als integraler Bestandteil von Konstruktion, Planung und Wirtschaftlichkeit.

Zirkulär planen – von Anfang an

Der Entwurf geht über die reine Reduktion von Energie- und Ressourcenverbrauch hinaus. Das Gebäude wird als Materiallager für die Zukunft gedacht. Konstruktionen werden so geplant und gefügt, dass Bauteile getrennt, zurückgebaut und möglichst wiederverwendet werden können.

Diese Perspektive verändert die Planung grundlegend: Nicht allein Herstellung und Nutzung eines Gebäudes werden betrachtet, sondern auch seine spätere Veränderbarkeit, Demontage und Weiterverwendung. Materialität, Konstruktion und Fügung werden damit zu zentralen Entwurfsparametern.

Die serielle Holzbauweise unterstützt diesen Ansatz. Wesentliche Bauteile werden unter kontrollierten Bedingungen vorgefertigt und auf der Baustelle montiert. Das erhöht die Präzision der Konstruktion, reduziert Materialverluste und ermöglicht einen hohen Qualitätsstandard bei gleichzeitig verkürzter Bauzeit.

Architektur im Dialog mit dem Ort

Auch die Gründung folgt dem Prinzip des möglichst geringen Eingriffs. Rammpfähle reduzieren die Versiegelung und den Eingriff in Gelände und Boden. Auf großflächige Fundamentierungen, Keller und Tiefgarage wird verzichtet.

Die Architektur folgt der Topografie des Grundstücks und erhält dessen Durchlässigkeit. Die Gebäude werden nicht gegen den Ort entwickelt, sondern aus seinen räumlichen und topografischen Bedingungen heraus.

So entsteht ein Ensemble, in dem Architektur, Landschaft und gemeinschaftliche Freiräume miteinander verbunden sind.

Technik als Bestandteil der Architektur

Nachhaltigkeit endet nicht bei Materialwahl und Konstruktion. Energie, Wasser, Bauphysik und Gebäudetechnik werden von Beginn an als integrale Bestandteile des Entwurfs verstanden.

Photovoltaik, Batteriespeicher, lokales Energiemanagement und ein gemeinsames Microgrid verbinden regenerative Energieerzeugung mit einer gemeinschaftlich organisierten Infrastruktur. Begrünte Dächer und die zentrale Regenwassernutzung ergänzen das energetische und ökologische Konzept.

Die technische Planung ist dabei kein nachgelagertes Ausstattungsmerkmal, sondern Teil der architektonischen Entwicklung. Konstruktion, Gebäudehülle, Energieversorgung, Haustechnik und Nutzung werden aufeinander abgestimmt, um den Ressourcen- und Energiebedarf des Gesamtprojekts langfristig zu reduzieren.

Gerade in diesem Zusammenspiel von Architektur, Konstruktion, Bauphysik und technischer Gebäudeausrüstung liegt ein wesentlicher Innovationsgrad des Projekts – und eine zentrale Kompetenz des Architekturbüros.

Ein Reallabor für die Bauwende

Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet und als Reallabor für zukünftige Formen des Bauens und Wohnens entwickelt. Dabei werden nicht nur ökologische und technische Aspekte untersucht, sondern auch die Frage, wie sich neue Formen des gemeinschaftlichen und suffizienten Wohnens im Alltag bewähren.

Das Projekt verbindet damit ökologische, soziale und ökonomische Nachhaltigkeit mit architektonischer Qualität und technischer Innovation. Es zeigt, dass die Reduktion von Ressourcenverbrauch nicht mit einer Reduktion von Lebensqualität oder gestalterischem Anspruch einhergehen muss.

Im Gegenteil: Suffizienz, Zirkularität und gemeinschaftliche Nutzung eröffnen neue räumliche und architektonische Möglichkeiten.

Mit dem Projekt CÖW Herkenrath verbindet das Architekturbüro technologische Innovation mit Suffizienz, Kreislauffähigkeit, leistbarem Wohnen und gemeinschaftlichem Leben – und formuliert damit einen eigenständigen architektonischen und technischen Beitrag zur Bauwende.